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Klimaportal der Lokalen Agenda 21 im Raum Harburg

Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH)

Nachhaltigkeit prägt Forschung, Lehre und das Leben an der TUHH


Portrait

Von links nach rechts: Dr. Ralf Grote (Leiter des Präsidialbereichs), Prof. Dr. Dr. h.c. Garabed Antranikian (Präsident), Dr. Hanno Hintze von HARBURG21, Christine Stecker (Referentin für Nachhaltigkeit) und Bendic Ritt (Student, AStA-Referent für Nachhaltigkeit) (Foto Gabi Geringer, TUHH)Die Pläne für eine technische Hochschule im Süderelberaum reichen bis in das Jahr 1928 zurück. Erst 50 Jahre später, 1978, war es soweit: Mit dem Ziel, den Strukturwandel der Region zu fördern, wurde die TUHH Wirklichkeit. Sie zählt damit weiterhin zu den jüngsten und zugleich zu den erfolgreichsten Universitäten in Deutschland. Die TUHH ist eine kleine, aber feine Hochschule mit einem klaren Profil in der Forschung und modernen, praxisorientierten Methoden in der Lehre. Rund 6.400 Studierende - davon ein Viertel weiblich - sowie 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon knapp 100 Professorinnen und Professoren, prägen das Miteinander auf dem Campus. Internationales Flair ist zu spüren: 15 Prozent der Studierenden an der TUHH haben einen internationalen Background. Das auf dem Campus ebenfalls beheimatete Northern Institute of Technology Management (NIT) lockt jedes Jahr gleichfalls Studierende von allen Kontinenten der Erde für post-graduate-Studiengänge in den Hamburger Süden.

Getreu den Gründungsprinzipien der TUHH hat die Forschungsarbeit oberste Priorität. Die TUHH versteht sich als Katalysator für Harburg, die Metropolregion und weit darüber hinaus insbesondere in den Kompetenzfeldern:

•    Green Technologies (Grüne Technologien / Erneuerbare Energien)
•    Life Science Technologies (Lebenswissenschaften / Medizintechnik)
•    Aviation & Maritime Systems (Luftfahrt / Maritime Systeme)

Durch die internationale Ausrichtung, die Verzahnung mit der Wirtschaft, den Technologie-transfer über die Tochter TuTech Innovation GmbH, die Einwerbung von Drittmitteln in beeindruckender Höhe und innovative moderne Lehrmethoden über das Zentrum für Lehre und Lernen steht die vergleichsweise kleine, aber dadurch sehr flexible TUHH den großen technischen Universitäten in Deutschland in nichts nach.


Schwerpunkte & Highlights gelebter Nachhaltigkeit in der TUHH

Im Jahr 2012 beschloss das TUHH-Präsidium, die nachhaltige Entwicklung der TUHH strategisch auszubauen und durch die Schaffung der Stelle einer Referentin für Nachhaltigkeit zu fördern. Im Sinne der Brundtland-Konferenz versteht die TUHH Nachhaltigkeit als Dreiklang von ökologischer und sozialer Verantwortung sowie ökonomischer Wirtschaftlichkeit. Letzteres ist grundsätzlich handlungsleitendes Prinzip für die öffentliche Hand.

Den Fokus verstärkt auf soziale und ökologische Aspekte zu richten, greift unter anderem Forderungen der Hochschulrektorenkonferenz auf. Demnach sind Hochschulen als gesellschaftliche Akteure in besonderem Maße dazu angehalten, Impulse und Innovationen für eine zukunftsgerechte Entwicklung hervorzubringen und im eigenen Handeln als Vorbild zu wirken. Ingenieurinnen und Ingenieure, die eine technische Hochschule verlassen, können dabei einen besonderen Beitrag leisten. Entsprechend ist das gesteckte Ziel hoch: Mittel- bis langfristig sollen alle TUHH-Absolventinnen und Absolventen das Thema der nachhaltigen Entwicklung reflektiert haben und befähigt sein, aktiv zu dieser beizutragen, sei es lokal oder global.

Dem Nachhaltigkeitsgedanken fühlt sich die TUHH mit den annähernd 8.000 Personen auf dem Campus in Lehre, Forschung und Universitätsbetrieb verpflichtet. Viele Nachhaltigkeits-Aktivitäten vom energiesparenden Betrieb der Hochschule über studentisches Engagement bis zur Forschung zu Fragestellungen des Ressourcen- und Klimaschutzes sind an der TUHH lange gelebte Praxis. Diese und weitere Anstrengungen zu bündeln, zu verstetigen und nach außen sichtbar zu machen, ist unter anderem Aufgabe der Nachhaltigkeitsreferentin Christine Stecker.

Nachhaltigkeit in der Lehre
Die Rohstoffe der Erde sind begrenzt. Der Präsident der TUHH, Prof. Dr. Garabed Antranikian sieht in den jungen Menschen auf dem Campus die „Rohstoffe“ der Zukunft. Sie sollen lernen, wie ein anderes Wirtschaften und andere Technologien zukünftig aussehen müssen, damit Lösungen für die globalen Herausforderungen gefunden werden, die allein durch Ressourcenknappheit und Bevölkerungswachstum entstehen. Die Zukunftsingenieurinnen und -ingenieure, die an der TUHH studieren, sind damit enorm wichtig für den Technologiestandort Deutschland. Die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der UNESCO ist dabei ein Leitmotiv. Was heißt das konkret?

Über das Zentrum für Lehre und Lernen (ZLL) werden neue Lehrmethoden an der TUHH entwickelt, beispielsweise in Form eines interdisziplinären Bachelorprojekts für die ErstsemestlerInnen. In diesem lernen sie gemeinsam mit älteren Studierenden anhand eines konkreten Projekts. Im Wintersemester 2012/13 war das der Bau eines Zeppelins. Dieser musste nicht nur fliegen können, sondern sollte auch Antworten auf alternative Antriebe bieten. In den zukünftigen Projekten wird der Nachhaltigkeitsaspekt noch stärker ausgeweitet. Beispielsweise soll die Wiederverwendung von gebrauchten Materialien als Baustoffe Berücksichtigung finden. So sollen Studierende gleich von Anfang an für ein Denken in geschlossenen Stoffkreisläufen sensibilisiert werden.

Die „Blue Engineering AG“, die sich selbst als Ingenieurinnen und Ingenieure in ökologischer und sozialer Verantwortung versteht, bietet wiederum für Studierende ein sogenanntes peer-to-peer-Seminar zum Thema Nachhaltigkeit an. Ein solches Engagement wird von der TUHH aktiv unterstützt und belobigt. Ist es doch genau das, was die Wirtschaft nachfragt – Menschen, die über bisherige klassische Fragestellungen hinausdenken können. Die Gruppe erhielt deswegen als Anerkennung für ihren Beitrag zu einer modernen Lehre den TUHH-Motivationspreis 2013. Auch gehörte sie zu den ersten Preisträgern des Harburger Nachhaltigkeitspreises 2013, der am 13.11.13 von der Bezirksversammlung Harburg in Kooperation mit HARBURG21 verliehen wurde.

Es ist der TUHH sehr wichtig, dass Universität nicht mit „trockenen“ Vorlesungen gleichgesetzt wird. Im Sommer fand eine für alle Interessierte öffentliche Ringvorlesung zum Thema Energiewende mit namhaften Rednern statt. Zusätzlich will die TUHH zu Gruppenarbeiten anregen. Deswegen fördert das ZLL mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung und Bildung solche Lehrveranstaltungen, die sich dem „Problem- beziehungsweise Project-Based-Learning“, kurz PBL verschrieben haben. Mittlerweile gibt es 40 solcher PBL-Kurse, in denen kleine Gruppen an der Lösung einer Fragestellung arbeiten, ganz wie im späteren Berufsleben. Dort wird unglaublich viel gelernt und es bringt den Studierenden Spaß. Um diese und weitere Modernisierungen in der Lehre umsetzen zu können, wurden Projektmittel in Höhe von sechs Millionen Euro eingeworben. In den Ingenieurwissenschaften gibt es bisher nur wenige Unis, die sich hierauf fokussieren. Die Technische Universität Hamburg schafft das gerade auch, weil sie klein und dadurch sehr flexibel ist. Das Wissen wird „nachhaltiger“ gelernt, da es über die Theorie hinausgeht.

Nachhaltigkeit in der Forschung
Seit Anbeginn sind Umwelttechnologien ein wichtiges Standbein der einzigen technischen Universität in Norddeutschland. So wirkt die TUHH seit langem an der Lösung von Umweltherausforderungen in Harburg und der gesamten Metropolregion mit (zum Beispiel ehemalige Deponie Georgswerder)  genauso wie an wegweisenden Zukunftsszenarien (unter anderem IBA, Bauen am Wasser, Wasserkreisläufe in der Siedlung Jenfelder Au, Geothermieforschung für Bergedorf) und vieles mehr. Unter dem Stichwort „Energiewende“ wird im Kompetenzfeld „Green Technologies“ schwerpunktmäßig in den Bereichen Offshore-Windenergie auf See sowie Nutzung von Biomasse geforscht.

Im Kompetenzfeld „Life Science Technologies“ geht es neben der Medizintechnik vor allem um Fragen der Biotechnologie und der Verfahrenstechnik. Wie können Prozesse von Anfang an so gestaltet werden, dass Schadstoffe gar nicht erst auftreten oder aber minimiert werden?

Und drittens im Kompetenzbereich „Aviation & Maritime Systems“ spielt energieeffiziente Logistik unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit eine Rolle. Aber auch Fragen, wie man umweltfreundlicher fliegt, zum Beispiel durch leichtere und damit spritsparender Flugzeuge als Thema der Materialwissenschaften oder die Nutzung von Brennstoffzellen zur umweltgerechten Energieversorgung an Bord, werden in enger Kooperation mit Partnern aus der Industrie erforscht. Die TUHH legt viel Wert darauf, dass Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in konkrete Produkte und Innovationen transferiert werden, die wichtig für die Zukunft sind. Deswegen pflegt sie auch ein breites Netzwerk mit der Industrie. Was nützt viel Wissen, wenn es nicht weiter gegeben wird? Das wäre in den Augen der TUler nicht nachhaltig. Deswegen wird das generierte Wissen stets nach vorne in die Umsetzung gebracht.

Nachhaltigkeit im Universitätsbetrieb und auf dem Campus
Die Nachhaltigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Konzepte und Strategien, die an der TUHH entwickelt werden. Seit 2013 ist sie beispielsweise eine der insgesamt zwölf Gründeruniversitäten in Deutschland. Über das EXIST-Programm der Bundesregierung können nun neue Unternehmensgründungen eine Förderung erhalten. Dafür gibt es künftig sogar eine Professur. Gleichzeitig wurde der Gründerpreis Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Dieser prämiert solche Geschäftsideen, die sich dem Gedanken der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen.

Das Blockheizkraftwerk der TUHH wird wärmegeführt betrieben und dient der Beheizung der Campus-Gebäude sowie zur Eigenerzeugung elektrischer Energie. Energieeinsparungen und Energieeffizienz zu steigern sind u.a. zentrale Themen des Technischen Betriebsdienstes. In den letzten fünf Jahren summierten sich die hierdurch erzielten jährlichen Energieeinsparungen auf fast 300.000 kWh. Dies entspricht 260.000 kg weniger klimaschädlichem CO2  pro Jahr. Weitere größere Optimierungen erfolgten im Hochbau (Dachdämmung) sowie im Rechenzentrum. Das ehemalige Kasernengebäude am Schwarzenberg wurde zum neuen Hauptgebäude der Uni umgebaut. Dabei entstand eine bauliche Symbiose aus Alt und Neu, die den heutigen energetischen Anforderungen Rechnung trägt.

In Bezug auf den sozialen Gedanken ist es der TUHH besonders wichtig, dass die Atmosphäre auf dem Camus stimmt. Die Studierenden und die Beschäftigten sollen sich wohlfühlen. Um ein solches Wir-Gefühl zu schaffen, muss man Standorte haben, an denen man zusammen kommen und miteinander kommunizieren kann. Das ist für die TU eine Herausforderung, da sie kontinuierlich wächst, der Platz jedoch begrenzt ist. Als familiengerechte Hochschule sind an der TUHH Eltern-Kind-Arbeitsplätze sowie eine flexible Kinderbetreuung gemeinsam mit dem Studierendenwerk aufgebaut worden, eine Kita ist in Planung. Ebenso sollen weitere Studierendenwohnungen in unmittelbarer Nähe zur Uni entstehen. Die TU versteht sich nicht isoliert von Harburg. Mit dem Sommerfest, das auch die unmittelbaren Anwohner mit einbezieht, oder den öffentlichen und kostenfreien Kulturveranstaltungen wie Konzerten oder Theateraufführungen werden viele Menschen aus Harburg auf den Campus gelockt. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen und die TU freut sich über viele Stammgäste. Auch die Lange Nacht des Wissens und der kontinuierliche Einbezug der Schulen zum Beispiel im DLR-School Lab mit spannenden Versuchsstationen gehört mit zur Öffnung in den Bezirk sowie zur aktiven Nachwuchsförderung für die Ingenieurinnen und Ingenieure von morgen.


Perspektiven der weiteren Arbeit

Das Ziel, das die TUHH sich gesteckt hat ist sicherlich ehrgeizig: in Deutschland eine beispielhafte Modelluniversität im Bereich Nachhaltigkeit zu werden. Dabei wird Nachhaltigkeit ganzheitlich verstanden, das heißt ökologisch, sozial, ökonomisch.

Die Energieversorgung ist über das eigene Blockheizkraftwerk effizient aufgestellt, sich energiesparend zu verhalten ist ein dauerhafter Prozess. Im Abfallbereich ist das Ziel, Verbräuche von Anfang an so zu optimieren, dass Abfälle als Ressourcen wieder in Kreisläufe rückgeführt werden können. Jedes Produkt sollte nach diesem Verständnis schon bei der Anschaffung auf seine spätere Umnutzung oder Wiederverwertbarkeit geprüft werden. Eine konsequente Trennung mit dem Ziel der Wiederverwertung ist ein weiterer wichtiger Punkt. In der Mensa gelingt dies beispielsweise bereits heute sehr gut: Die anfallenden Essenreste sind vergleichsweise gering und werden einem Biogaserzeuger zugeführt.

Damit all dies als Prozess gut gelingt, hat die TUHH einen Nachhaltigkeitsrat ins Leben gerufen. Hier sitzen wichtige Statusgruppen der Uni an einem Tisch, von den Studierenden über WissenschaftlerInnen, Technische Dienste, Innere Dienste, Personalrat, Nachhaltigkeitsreferentin bis hin zum Präsidialbereich. Extern begleitet wird der Rat vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für umweltbewusstes Management, B.A.U.M. e.V., in dem die TUHH seit 2012 Mitglied ist.

Die TUHH versteht sich als Netzwerkpartner lokal, bundesweit und international. Im Zukunftsrat Hamburg ist sie beispielsweise genauso vertreten wie im European Consortium of Innovative Universities (ECIU), unter anderem in der Arbeitsgruppe zum nachhaltigen Campus.


HARBURG21 als Lokales NachhaltigkeitsNetzwerk

HARBURG21, so wie die TUHH es versteht, versucht die Aktivitäten und Partner in dieser Region zu bündeln und sichtbar zu machen – quasi als konkretes Programm für mehr Nachhaltigkeit im südlichen Hamburg. Die TUHH ist über die Nachhaltigkeitsreferentin aktiv in der Gruppe von HARBURG21 vertreten.

Dem Netzwerk wünscht die Technische Universität viele gute Partner und einen intensiven Austausch mit dem Ziel, konkrete Aktivitäten für mehr Klima- und Umweltschutz sowie für die Stärkung des sozialen Miteinanders in Harburg umzusetzen. Konkret anregen möchten sie. ruhig noch mehr Werbung für die gute Sache zu machen. Um junge Menschen zu erreichen, braucht es vielleicht auch neue Wege. Agenda 21 sagt den heutigen jungen Menschen nicht mehr unbedingt etwas, das sollte man berücksichtigen.


Das Gespräch wurde mit Prof. Dr. Dr. h. c. Garabed Antranikian (Präsident), Dr. Ralf Grote (Leiter des Präsidialbereichs), Christine Stecker (Referentin für Nachhaltigkeit) und Bendic Ritt (Student, AStA-Referent für Nachhaltigkeit) geführt.


Links:
Porträt der Blue Engineering AG
TUHH-Seminar Blue Engineering
TUHH-Nachhaltigkeitsrat und Nachhaltigkeitsbeauftrage
TUHH-AStA Arbeitskreis Nachhaltigkeit
TUHH-Vortragsreihen


>
 HARBURG21-Porträt (Beitrag zur Interviewreihe "Gelebte Nachhaltigkeit")

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