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Startseite » HARBURG21 » Reportagen » Zweiter Stadtbaum-Rundgang (10.09.21)

Baum.Klima.Schutz – Die fast vergessenen Werte am Straßenrand

Am 25. Juni 2021 hatte HARBURG21 zum ersten interaktiven Erkundungsrundgang von Stadtbäumen in der Harburger Innenstadt eingeladen. Am 10. September folgte die Fortsetzung von „Bäume in der Harburger Innenstadt – von Baumschätzen, Raritäten und Klimawandel“. Drei Referenten boten den interessierten Teilnehmenden an fünf Stationen weitere Einblicke in die Baumpflege-Praxis sowie die eine und andere Baumbestimmungsübung. Die Veranstaltung fand im Rahmen der HARBURG21-Netzwerkreihe „HARBURG GRÜN & FAIR“ statt.

Station 1: Harburger Rathausplatz
Harburger Rathausplatz (Foto Gisela Baudy)Sonnengewärmt und in Wochenendlaune versammeln sich am 10. September - nach einem verregneten Vormittag - 14 Erwachsene und die 11-jährige Tochter einer Teilnehmerin zum Stadt-Spaziergang. Es ist Teil 2 des Rundganges "Bäume in der Harburger Innenstadt - von Schätzen, Raritäten und dem Klimawandel". Ausgangspunkt ist wieder der Harburger Rathausplatz. Jürgen Becker - Geograph, Historiker, Klimaforschungs-Manager und leidenschaftlicher Straßenbaum-Lobbyist – skizziert kurz das heutige Programm. Er freut sich mit uns auf die fachkundigen Ausführungen sV.l.n.r.: Stephan Meyer, Jens Schwartau, Jürgen Becker  (Foto Gisela Baudy)einer beiden Mitstreiter Stephan Meyer und Jens Schwartau. Zusammen betreuen die beiden bezirklichen Baumpfleger regelmäßig im Bezirk 23.000 Straßen-bäume in Harburg und im Raum Süderelbe. Zusätzlich kontrollieren sie Stadtbäume, die bei Grabungen und anderen Baumaßnahmen betroffen sind oder von Harburger*innen als gefährdet, beschädigt oder krank gemeldet werden. 

Kreis der Gäste (Fotos Gisela Baudy)„Der Bezirk muss seine Stadtbäume alle zwei Jahre, manchmal auch nach sechs bis zwölf Monaten kontrollieren, denn er haftet für deren Verkehrssicherheit“, erklärt Jens Schwartau. “Äußere Anzeichen für bestehende Risiken sind zum Beispiel Faulstellen, Pilzfruchtkörper oder Totäste.“ Stephan Meyer ergänzt: „Wenn dann aber die Rinde zum Schutz bei Bauarbeiten mit Holz verschalt ist, lässt sich das Gefahrenpotenzial durch mangelnde Standfestigkeit nicht erkennen. Dann fällt so ein Baum ohne Vorwarnung dem Herbststurm zum Opfer und legt sich quer über die Bremer Straße, wie vor zwei Jahren.“

Silberahorn am Brunnen (Foto Gisela Baudy)In der Nähe des plätschernden Springbrunnens wartet ein stattlicher Silberahorn auf uns. Ohne die stabilisierenden Halterungen im Geäst würden seine Äste leicht wegbrechen. Es entstünden Schäden um ihn herum, aber auch an ihm selbst: Sein Erhalt wäre gefährdet. In Zeiten des Klimawandels sind Baumverluste besonders im urbanen Raum zu vermeiden – Bäume sind schließlich Luftfilter, CO2-Speicher, Schattenspender und allgemeiner Wohlfühlfaktor in einem, das weiß selbst unsere jüngste Teilnehmerin. „Deswegen kämpfen wir um jeden Baum“, so Meyer. 

Silberahorn am linken Flügel des Harburger Rathauses (Foto Gisela Baudy)Station 2: Max-Schmeling-Park
Wir peilen die nächste grüne Gestaltungseinheit an. Sie liegt auf der Harburger Museumsachse zwischen Rathaus und Helmsmuseum. Dabei drängt sich der schiefe Silberahorn gegenüber ins Bild. Natürlich kommt die Frage nach dessen Verkehrssicherheit auf. Die Baumkontrolleure beruhigen uns. Der Ahorn hätte seine Standfestigkeit im Zugtest bewiesen. 

„2009 wurde diese knapp 4.000 m2 große Grünanlage in dieser Form fertiggestellt und 2011 als ‚Max-Schmeling-Park‘ eingeweiht. Dazu passen natürlich diese beiden Faustkämpfer.“ Jürgen Becker deutet dabei auf die bronzene Boxerplastik von Rosskastanie im Max-Schmeling-Park (Foto Gisela Baudy)Eberhard Encke. „Und der malerische Eindruck dieser Fläche hier entsteht durch das Arrangement von Einzelbäumen, Baumgruppen und flächig gepflanzten Stauden. Im englischen Landschaftsdesign spricht man auch von Dots & Clumps.“ 

Zweite Rosskastanie ebenda (Foto Gisela Baudy)Unsere Gruppe steht zwischen zwei mächtigen Ross-Kastanien. Die weiße wurde 1903 gepflanzt und ist so alt wie das Bauamt, die rote 1888 – also mehr als 100 Jahre vor Einweihung ihres vor zehn Jahren neugestalteten Umfeldes. „Leider gehören Rosskastanien zu den stark gefährdeten Arten. Sie leiden und sterben an einer bakteriellen Rindenkrankheit, die nicht wirklich behandelt werden kann, berichtet Becker weiter. „Darum werden in Hamburg keine Rosskastanien mehr an- beziehungsweise nachgepflanzz.“ Noch gibt es ca. 6.000 Rosskastanien in Hamburg, aber wie lange noch?

Silberahorn beim Bauaumt (Foto Gisela Baudy)Der Silberahorn mit dem roten Quader im gegenüberliegenden Grünareal zwischen Rathaus und Bauamt wirft die nächste Frage in den öffentlichen Raum: Was denn die Baumkontrolleure von dieser Kunstaktion hielten? Nicht viel. Wären sie vorher gefragt worden, hätten sie ein Veto eingelegt. Denn wie wir ja schon gelernt haben, neigt der Silberahorn zu Astausbrüchen. Außerdem weist dieses Exemplar Faulstellen Stieleiche neben dem Bauamt (Foto Gisela Baudy)auf. “Alle drei Jahre müssen wir um die  10.000 EUR in die Hand nehmen.“, beziffert Meyer die aktuellen Baumpflegekosten. Eine Menge Holz.

Dass  Eiche nicht gleich Eiche ist, erfahren wir als nächstes. Klar, schließlich wachsen weltweit ca. 600 Eichenarten. Eine heimische Sorte ist die Stieleiche – sie wird auch Sommereiche oder Deutsche Eiche genannt. Ein Exemplar davon steht direkt neben dem Bauamt. Jens Schwartau zeigt uns das kurzgestielte Blatt. „An dieser Ohrläppchenform kann man die Stieleiche gut erkennen. Bei der Traubeneiche, auch als Wintereiche bekannt, sind die Blätter langstielig und die Früchte (Eicheln) sind Trompetenbaum (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)traubenförmig angeordnet.“ Und noch ein Datum: Insgesamt gibt es in Harburg fast 11.000 Eichen.

Alle wenden sich wieder den „dots und clumps“ zu. Dort interessiert uns der Trompetenbaum (oder auch Cigar Tree), ein typischer Einzel- und Trompetenbaum nah (Foto Gisela Baudy)Parkbaum, in Hamburg gibt es nur 41 seiner Art. Seinen deutschen Namen erhielt er durch die Form seiner Blüten, die englische Bezeichnung rührt von den zigarrenähnlichen Früchten. Er blüht spät und hat dafür Samenschoten im Winter. „Wir sagen immer: Der kommt als letzter und geht als erster“, kommentiert Schwartau. Trompetenbäume haben massives, langlebiges Holz und werden in ihrer nordamerikanischen Heimat  zum Schienenbau eingesetzt. In unseren Breitengraden gilt er als insektenfreundlicher Klimabaum.

Säulenpappeln (Foto Gisela Baudy)Meyer lenkt unsere Aufmerksamkeit auf zwei zusammenstehende, hundertjährige Säulenpappeln. Was mit bloßem Auge nicht unbedingt erkennbar ist, sind zwei Dinge. Der Baumpfleger zieht sein Handy hervor, holt ein Foto auf sein Display und lässt es kreisen. „Auch Pappeln leiden unter Astausbruch. Daher haben wir beide Kronen mit einem Stahlseil verbunden. Das muss allerdings ständig erneuert werden, Stahl rostet nun mal.“ Dann schreitet er zu den Pappeln und klopft den Stamm unten mit einem Schonhammer ab. Es klingt alles ein bisschen hohl für unser Empfinden. Richtig, hier liegt Kernfäule vor, ein anderes Problem, das Pappeln gerne zu Fall bringt.

Rotahorn, hier aus dem Jahr 2012 mit bereits rotem Herbstkleid (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)Weiter geht’s zur Knoopstraße. Mit seinen elf Lenzen steckt der Rot-Ahorn (Klimabaum gegenüber vom Museumsplatz)  fast noch in seinen Kinderschuhen, hat aber bereits große Probleme. Denn sein verdicktes Wurzelwerk bekommt zu wenig Sauerstoff und drückt Wasser nach oben. Er kann sich keine Nährstoffe suchen, denn es fehlt Erde, und ein Vorgarten ist auch nicht in der Nähe. Viel besser geht es Bäumen, deren Wurzeln in Baumgruben über entsprechende Lüftungsschächte mit Sauerstoff versorgt werden Rotahorn vor dem SDZ mit Blumenbeet (Foto Gisela Baudy)können. So wie der ein paar Schritte entfernt auf dem Bezirksbeet angepflanzte Artgenosse von 2017 vor dem SDZ. So sinnvoll sie auch sind: Neupflanzungen mit Tiefenbelüftung schlagen ins Kontor. Sie sind zwei- bis dreimal so teuer – die Kosten liegen zwischen dreieinhalb und viertausend EURO gegenüber 1.500 EUR bei „herkömmlicher“ Anpflanzung. Der Vorteil ist aber, dass sich die Wurzeln aufgrund der besseren Wachstumsbedingungen auch bei sinkendem Grundwasser versorgen können. Die Antwort auf die Frage nach bedarfsgerechter Mittelzuteilung lautet: Fehlanzeige..

Sumpfeiche in der Askekstraße (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)Station 3: Asbeckstraße
Hier treffen wir gleich zwei als klimaresistent eingestufte Baumarten:  Die erste ist die in Nordamerika beheimatete und hierzulande sehr verbreitete, wärmeliebende und frostharte Sumpfeiche – ein weitreichender Flachwurzler, der Überschwemmungen gut, aber Einpflastern schlecht verträgt. Die zweite Art ist eine der ältesten, robusten und trockenheitsverträglichen Großbaumsorten aus China, der Ginkgo Gingko ebenda (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)(Fächerblattbaum). „Beide Klimabäume sind allerdings für unsere Insekten und damit auch die Vogelwelt, nicht interessant“, stellt Becker fest. Ob diese Bäume unsere heimischen verdrängen könnten? „Es ist der richtige Mix, der das Ökosystem in der Stadt schützt. Zudem kann man durch die Verbindung von Bäumen mit Blühstreifen das fehlende Nahrungsangebot solcher Bäume ausgleichen, wie sich unter anderem in dem seit 20 Jahren laufendem Klimabaum-Projekt „Stadtgrün21“ herausgestellt hat. 

Amberbaum (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)Station 4: Asbeckstraße / Hastedtstraße
Wir biegen in die Hastedtstraße ein und machen gegenüber der Hausnummer 11 Halt vor der nächsten stadtklimatauglichen, weitreichend wurzelnden Baumsorte, einem Amerikanischen Amberbaum. „Das Ausmaß des Wurzelwerkes bestimmen wir über die Ausbreitung der Krone und rechnen 1,5 m hinzu“, erklärt Meyer. Becker lädt alle ein, mal an einem Blatt zu reiben. Erstaunt stellen wir fest: „Das riecht ja wie Kaugummi“ – „Ja, genau!“. Pappeln im Göhlbachtal (Foto Gisela Baudy)Schwartau weist darauf hin, dass der Amber zu dicht an die Hauswand ragt und dadurch Baumpflegekosten zur Vermeidung von Fassadenschäden entstehen. 

Station 5: Hastedtplatz und Göhlbachtal
Der nächste Geruchssinntest liegt noch vor uns - am Ende der Baumschau. Aber bis dahin legen wir noch ein Stückchen durch den Hastedtpark zurück. Ein paar Kinder spielen Fangen, andere Mädchen und Jungen proben in gemischten Teams für die Stephan Meyer beim Prüfen der Pappel (Foto Gisela Baudy)nächste Fußballweltmeisterschaft.  Ein kleiner Knirps hält mit seinem Lauffahrrad bei uns an und verfolgt mit großen Augen, wie Meyer die 74 Jahre alte Säulenpappel am Parkeingang mit dem Schonhammer traktiert. Hat sie Kernfäule? Ja, auch hier ist der Wurm bzw. ein Pilz drin, darum wird die Pappel abgestützt.

Esskastanie im Göhlbachtal (Klimabaum, Foto Gisela Baudy)Weitaus jünger und mit stacheligen hellgrünen Fruchtkapseln gut bestückt ist die 2002 auf dem Grüngelände gepflanzte, wärmeliebende Ess- oder Edelkastanie – ein tiefwurzelndes Buchengewächs und somit keine Verwandte der (giftigen) Rosskastanie (einem Seifenbaumgewächs). Die Esskastanie gehört zu den klimaresistenten Großbäumen, mutet aber ob ihres eher jKaukasische Flügelnuss (Foto Gisela Baudy)ugendlichen Alters noch nicht so mächtig an. Im Gegensatz zu Sumpfeiche und Ginkgo finden bei ihr Insekten und Vögel aber auch jetzt schon reichlich Nahrung. Die Edelkastanie lebt in guter Nachbarschaft mit einem weiteren Klimabaum: der Kaukasischen Flügelnuss. „Dies ist ein kleinwüchsiger Baum und deshalb als Straßenbaum ungeeignet“, so Becker „Speziell in kleinen Straßen sind Stadtbäume meist 4,50 m hoch, wegen der  Busse, Laster und Müllwagen, die hier durchfahren.“

Wir nähern uns der Baererstraße und bleiben vor einer breiten, kurzstämmigen Eiche stehen, einer Amerikanischen Roteiche von 1965. Diese mächtige Großbaumsorte gilt als stadtklimafest; sie verträgt Hitze, Wind und Frost. Klimabäume gibt es in Harburg also schon länger, wurden aber erst in den letzten 20 Jahren als solche erkannt.

Kuchenbaum in der Hirschfeldstraße (Foto Gisela Baudy)Mit den 20er Jahre-Bauten im Göhlbachtal rückt auf der Höhe der Hirschfeldstraße 2 der Abschluss unser Erkundungstour näher: der Japanische Katsurabaum von 1955, einer von insgesamt zehn Exemplaren in ganz Hamburg. „Dieses Einzelgehölz finden wir eigentlich nur in Parks und Grünanlagen. Und es ist auch kein Klimabaum“, sagt Becker, bückt sich Blätter des Kuchenbaums (Foto Gisela Baudy)nach einigen welken (teils elliptischen, teils breit eiförmigen) Blättern, reibt sie ein wenig und riecht dann daran. Wir tun es ihm gleich und wissen sofort, warum dieser Baum auch als Kuchen- oder Lebkuchenbaum bezeichnet wird:  Es liegt an dem süßlichen Duft von Kuchengewürzen, der sich zwischen unseren Fingern entfaltet. 

Nach diesem aromatischen Aha-Erlebnis trennen sich unsere Wege. Das nachmittagsfüllende Programm mit seinen Entdeckungen und Erkenntnissen rund um Straßen- und Klimabäume in Harburgs „grüner Mitte“ wird mindestens beim Abendbrot noch nachklingen. 

Text: Chris Baudy 
nun-logo (BUKEA)
Fotos: Gisela Baudy 

>> ausführliche und kommentierte Bildergalerie Stadtbäume in Harburg (Teil 2) (37 Bilder)
aus der Reihe: HARBURG ENTDECKEN (zu Fuß, per Rad, Online)


Lektüre-Tipps:
> Klimabaumhain-Broschüre 2020 - 70 Baumarten im Vergleich 
   => 70 Baumarten im Vergleich  

> Hamburger Online-Straßenbaumkataster
   => https://www.hamburg.de/strassenbaeume-online-karte/ 

> Entwicklungskonzept Stadtbäume (Hamburg, 2019)
   => Anpassungsstrategien (...)

> Stadtgrün21 (Langzeit-Forschungsprojekt zu Stadtbäumen der Zukunft)
   => Projektinfos (BMBF)

> Stress.Standort:Stadt (Artikel zur Baumführung Teil 1 vom 25. Juni 2021)


Aktions-Tipp
> Baumspende
    => https://www.hamburg.de/karte/ (Mein Baum - Meine Stadt)

> Bäume pflanzen
    => 15 empfohlene Organisationen (Verbraucherportal utopia)

> Baumschäden (Verschmutzungen, Straßen- und Waldschäden, Ampelen, Sielverstopfungen usw.) melden
    => Hamburger Melde-Michel (Infos & Online-Formular - "Neues Anliegen"
          anklicken nach Adresseingabe  und Bild hochladen.)

> Infos zur Gesetzeslage, Handlungsmöglichkeiten, Checkliste usw.
    => Was tun, wenn gefällt werden sol (NaBu-Ratgeber)

 

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