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02.07.2021

Stress.Standort.Stadt: Baumschätze und Klimabäume in Harburg

Am 25. Juni 2021 führte HARBURG21 den interaktiven Rundgang "Bäume in der Harburger Innenstadt - Von Baumschätzen, Raritäten und Klimawandel" durch. Die beiden Referenten vermittelten einer sehr interessierten Teilnehmenden-Gruppe Hintergrund-Wissen und praktische Einblicke in die nicht immer schöne und neue Welt der Stadtbäume.

Begrüßung auf dem Harburger Rathausplatz (Foto: Gisela Baudy)Wir sind sieben Damen und zehn Herren und haben uns viel vorgenommen an diesem angenehm sommerlichen Freitagnachmittag: Ausgehend vom Harburger Rathausplatz mit seinen teils über 100 Jahre alten Baumschätzen wollen wir zehn Standorte in Harburgs Innenstadt besichtigen. Am Ende wurden es vier Stationen  und zwei Stunden, randvoll gefüllt mit Informationen aus dem Leben und Sterben „belaubter Straßenkinder“. Doch schön der Reihe nach.

Jürgen Becker (Foto: Gisela Baudy)Erste Station: Der Harburger Rathausplatz
Während die letzten Unterschriften über die Hygiene-Belehrung die personalisierten Erfassungsbögen verzieren, verteilt Jürgen Becker, Geograph, Historiker und Klimaforschungs-Manager, braune Blätter. Es könnten getrocknete Lindenblätter sein. Tatsächlich stammen sie aus dem Gölbachtal, von einem japanischen Katsurabaum, auch (Leb-) Kuchenbaum genannt: Denn im Herbst duften seine Blätter nach Anis, Zimt und Karamell – das Aroma entsteht bei trockenen Blättern durch Reiben. Aber nicht mehr unbedingt im darauffolgenden Sommer. Was mit der Klimaerwärmung allerdings nichts zu tun hat.

Christian Kadgien (Foto: Gisela Baudy)„Der Sommer 2018 war ein Katastrophenjahr: lange Trockenphase ohne Niederschläge und  ein Hitzerekord über 40 Grad.. Besonders junge Bäume leiden dabei, weil ihre Wurzeln nicht tief genug reichen“, erklärt Christian Kadgien von der bezirklichen Stadt- und Landschaftsplanung. „Insgesamt haben wir es mit der Klimaveränderung vermehrt mit neuen Baum-Krankheiten, Schädlingen und Bakterien zu tun, die zu Bestandsverlusten führen und verstärkt kostenintensive Baumpflege-Maßnahmen erfordern.“

Den Anfang der Baumschau macht eines von bislang 70 bekannten stadtklimaresistenten Gehölzen: die weit aus- und flachwurzelnde, schnellwüchsige Kaukasische Flügelnuss. Wir bewundern die ausladende Krone und erfahren, dass der Name dieser aus Westasien stammenden Baumspezies von den Früchten stammt, den zweiflügeligen Nüssen. 

Kronensicherung beim Silberahorn (Foto: Gisela Baudy)Die Sonne wärmt uns den Rücken, die Fontäne im Springbrunnen verspricht „vordergründige“ Erfrischung, während wir einen stattlichen Silberahorn betrachten. Ein breiter Riemen schlingt sich um einige Äste. Mit gutem Grund: Es geht um eine gesunde Baumstatik: Mit dieser Baum-Kronensicherung soll verhindert werden, dass die Äste nicht im Sturm oder bei extremer Schneelast abbrechen. Der Baum soll ohne Schnittmaßnahmen stabil bleiben. Denn Schnittflächen sind häufiges Eintrittstor für Bakterien, die den Baum schwächen können, besonders bei großen Schnittwunden. „Wir kontrollieren den Baum alle sechs bis zwölf Monate, denn diese Gehölzsorte ist besonders bruchanfällig und wird daher selten als Straßenbaum eingesetzt“, verrät Kadgien.

„Die drei häufigsten Straßenbaumarten in Hamburg sind die Linde mit einem Anteil von 24 %, gefolgt von der Eiche (22 %) und dem Ahorn (13,5 %).“ Becker hält einen Computer-Ausdruck hoch. „Dies ist die Startseite des Hamburger Straßenbaumkatasters. In diesem Baumregister gibt es solche Infos und beispielsweise auch, welche Bäume wann und wo in der eigenen Wohnstraße gepflanzt wurden und vieles mehr.“ 

Wir bleiben noch ein bisschen bei der Linde. Becker fischt aus seiner Loseblatt-Sammlung je ein Sommer-, Winter- und Silber-Lindenblatt hervor. Mit letzterem hat es eine ganz eigene Bewandtnis: „Die Silber-Linde ist ein sogenannter Klimabaum, der auf besondere Art für Temperatursenkung sorgt und auch vor Verdunstung schützt“, so Becker. „Bei starker Hitze dreht sich nämlich die helle, 'silbrige' Blattunterseite nach oben. Außerdem blüht die Silber-Linde länger als die Sommer- und Winterlinde, so dass Bienen und Hummeln um das Nektarangebot konkurrieren – das Nachsehen haben oft die Hummeln.“

Okay, also noch ein Grund mehr für mehr insektenfreundliche Blühwiesen oder -streifen in der Stadt, auch in heimischen Gärten. 

Blutbuche auf dem Harburger Rathausplatz (Foto: Gisela Baudy)Die majestätische Blutbuche am Springbrunnen wird Thema. „Sie ist mit ihren 125 Jahren älter als das Harburger Rathaus“, klärt uns Becker auf und verteilt Infokarten. Ein Baum dieser Größenordnung hat über 60.000 Blätter, mit denen er an einem Sonnentag 18 kg CO2 verarbeitet und dabei Feinstaub, Bakterien und andere Schadstoffe aus der Luft gleich mit herausfiltert. Die Buche kommt auf 400 Liter Input (Verbrauch) und Output (Verdunstung) und produziert zudem 13 kg Sauerstoff, den Bedarf von ca. 10 Personen. Wer hätte das gedacht! 

Bevor wir uns dem nächsten Klimabaum auf der gegenüberliegenden Seite des Rathausplatzes widmen, lenkt Becker unsere Aufmerksamkeit auf die 40 Jahre alte Baumreihe in der Harburger Rathauspassage am Archäologischen Museum. Kurze und wenige Äste, überschaubares Blattwerk. Ein seltener Anblick. Zählen doch diese ahornblättrigen Platanen – robust, anspruchslos, frosthart und wärmeliebend wie diese ursprünglich südosteuropäische/türkische Spezies ist – zu den Klimabäumen. Aber diese Exemplare hier werden ständig beschnitten. „Sie dürfen nicht höher als das Gebäude werden. Andernfalls reißt der Sturm sie um. Denn durch die Tiefgarage unter ihnen haben sie zu wenig Wurzelraum zur Verfügung“, erklärt Kadgien.

Sumpfeichen (Foto: Gisela Baudy)Und so sehen wir, wie eng der urbane Lebensraum nicht nur für Mensch und Tier, sondern auch für Bäume werden kann. Ein klarer Fall von Flächenkonkurrenz!

Wir überqueren den Platz und bilden einen Halbkreis um eine Sumpfeiche. Entgegen seinem Namen gedeiht dieser Klimabaum auch hier. Für einige leider nicht mehr lange. Weichen müssen sie, die Eichen vor den Häusern auf der Rückseite des Harburger Rings, weil die Feuerwehrzufahrt nicht gewährleistet ist. Fair ist das nicht.

Zweite Station: Am Centrumshaus
Der Kampf um innerstädtische Fläche kommt noch einmal zur Sprache. „Der Platz in der Stadt lässt sich nicht vermehren, um Parkplätze, Geh- und Radwege, Fahrrad-Abstellanlagen, Parkplätze und Bäume gleichberechtigt unterzubringen“, kommentiert Kadgien, als wir die Platanenallee abschreiten. „Zu beiden Seiten neben den Baumtellern dürfte es eigentlich keine Parkplätze geben. Denn oft müssen die Leute, wenn sie aus ihren Autos steigen, auf den Baumteller treten. Das Ergebnis: wasserdicht festgetrampelte Erde.“ 

Becker legt prüfend seine Hand an die rote Backsteinfassade des Arbeitsamtes: Sie ist aufgeheizt und lässt eine weitere, urbane Belastung für Straßenbäume und letztlich auch für uns Menschen erkennen: Hitzestau durch Gebäude gepaart mit Wärmespeicherung durch versiegelte, sprich asphaltierte und betonierte Flächen, was wiederum zu verringerter Luftfeuchte führt.

Straßenbäume haben einfach keine Lobby. Sonst würden bei städtebaulichen Investitionen Begrünungsmaßnahmen nicht immer das Schlusslicht bilden. Da haben wir es wieder, das leidige Sparen am falschen Ende, wenn wir bedenken, was Bäume alles für uns leisten. 

Dritte Station: Harburger Ring / S-Bahnstation Harburger Rathaus
Wir kommen in eine noch extremere Problemzone: Der Feierabendverkehr am Harburger Ring zersetzt so manche Erklärung in einzelne Wortfetzen wie Feinstaub, schlechte Baumteller, fehlende Bäume. „Die Bäume sind einfach kollabiert“, versucht Kadgien sich Gehör zu verschaffen. „Eine Nachpflanzung ist hier nicht sinnvoll. Ein Wunder, dass die Sumpfeichen hier an der Bushaltestelle noch stehen und offenbar irgendwoher – bei all den Schächten und Tunneln hier – noch Wasser beziehen können.“ 

Vierte Station: Hölertwiete
Gleditschien in der Hölertwiete (Foto: GIsela Baudy)Die angesetzten 90 Minuten für den Rundgang sind längst überschritten, aber eine wichtige Station soll heute nicht fehlen. Ein Besucher muss sich verabschieden: „Tolle Veranstaltung. Machen Sie weiter so.“ Ob das auch für das mit Bundespreis Stadtgrün prämierte Forschungsprojekt „Multifunktionale Klimabaum-Standorte“ in der vor uns liegenden Hölertwiete gilt?  „Der Ausgang ist offen“, bestätigt Kadgien. „Man müsste nach ein paar Jahren nachsehen können, wie die Bäume und ihr Wurzelraum aussieht. Aber wer will das bezahlen?“, fragt Kadgien. Allgemeines Kopfnicken. 

Wir bleiben bei einem der fünf in einer Reihe angelegten Baumstandorte mit großen, gittergeschützten Baumtellern stehen. Hier hat der Bezirk Gleditschien beziehungsweise Lederhülsenbäume - ebenfalls eine weitgehend klimatolerante, nordamerikanische Baumsorte - gepflanzt. Doch es steckt noch mehr dahinter, genauer darunter.

Infotafel Hölertwiete (Foto: Gisela Baudy)Hier wird Regenwasser von 200m2 Dachfläche in einen unterirdischen Speicher (Rigole) geleitet, der bei Starkregen auch Wasser aus der Kanalisation aufnehmen kann. Zudem sorgt ein besonderes Bodensubstrat (Erd-/Gesteins-Granulat) für optimale Belüftung und Bewässerung der Wurzeln bis auf 2,60 m Tiefe. Alles Teil eines Anpassungsversuchs an die klimatischen Veränderungen in der Stadt. Und der geweißte Stamm der Bäume? „Das ist Kalk, der wirkt als Frost-, Hitze-, Riss- und Krankheitsschutz“, so Kadgien.

Wir sind am Ende unserer ersten Klima-Baumreise durch Harburgs Innenstadt. Mit einem dicken Dankeschön und Applaus verabschieden wir unsere Referenten. Wie auf Bestellung röhrt hinter uns ein schwarzer Pick-up und drängt die Gruppe auseinander. 

Halten wir also fest: Das Leben auf der Straße ist hart – auch für Bäume. Flächen-Konkurrenz, eingeschränkter und gefährdeter Wurzel- und Lebensraum, Streusalz, Rinden-Verletzungen durch Unachtsamkeit und obendrauf Belastungen durch Erderwärmung plus Extremwetterereignisse. Statt beengender Grauzonen brauchen wir eine grüne Stadt und viel mehr Gelder für ihre Gestaltung und Pflege. Als Klima-Anpassungs-Maßnahmen liegen derzeit Klimabäume und Projekte wie das in der Hölertwiete im Trend. In ein paar Jahren wissen wir hoffentlich mehr.

Text: Chris Baudy
NUN-Logo Bildungspartner für Nachhaltigkeit

Fotos: Gisela Baudy

> Bildergalerie


Lektüre-Tipps:
> Klimabaumhain-Broschüre 2020 - 70 Baumarten im Vergleich 
   => 70 Baumarten im Vergleich  

> Hamburger Online-Straßenbaumkataster
   => https://www.hamburg.de/strassenbaeume-online-karte/ 

> Multifunktionale Klimabaumstandorte
   => Projektinfos (BMBF)

> Entwicklungskonzept Stadtbäume (Hamburg, 2019)
   => Anpassungsstrategien (...)


Aktions-Tipp
> Baumspende
    => https://www.hamburg.de/karte/ (Mein Baum - Meine Stadt)

> Bäume pflanzen
    => 15 empfohlene Organisationen (Verbraucherportal utopia)

 

 

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