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11.09.2018

Im Wald und auf der Heide

Heidelandschaft (Foto Gisela Baudy) Am 9. September 2018 fand die Netzwerk-Aktion "Die Mythologie der Heide-Bäume" in Neugraben-Fischbek statt. Die Loki Schmidt Stiftung (Informationshaus Fischbek) hatte im Rahmen der HARBURG21-Netzwerk-Reihe "HARBURG GRÜN UND FAIR" zu dieser Wanderung durch die Fischbeker Heide eingeladen. Die HARBURG21-Redakteure waren dabei.

Jörn Freyenhagen begrüßt alle Gäste am Informationshaus Fischbek. (Foto Gisela Baudy)Jörn Freyenhagen (Foto Gisela Baudy)

Es ist Sonntagmorgen. Der große Zeiger rückt langsam auf 10 Uhr vor. Ein unaufdringlicher Sprühregen trübt leicht die sonnige Wettervorhersage – aber nicht für lange. Die letzten Stehplätze auf dem Gelände des Infohauses Fischbek der Loki Schmidt Stiftung füllen sich. Zwischen der reetgedeckten Kate, dem Kräutergarten und dem gegenüberliegenden Miniteich bilden 20 Teilnehmende aus Harburg, Neugraben, Buxtehude, Stade, Bergedorf und der Lüneburger Heide einen Kreis. Ludmila Wieczorek, die Leiterin des Informationshauses begrüßt die Teilnehmenden und stellt kurz einen Herrn in Khakigrün mit wettergegerbtem LeSchild Naturschutzgebiet Fischbeker Heide (Foto Gisela Baudy)derhut vor: Jörn Freyenhagen, unseren Reiseführer in die sagenhafte Vergangenheit der Heidebäume. Von sieben bis über 70 ist alles dabei: junge, mittelalte und ältere Baum-, Wald- und Heidefans. Und Paul. Er klemmt sicher unter Veronikas Arm, der jüngsten Teilnehmerin – in seinen leuchtenden hellblauen Hosen und dem blass-braunen Strickpullover ist der Plüschhund bestens für die Jahreszeit gerüstet.

Gespannt wartet die Gruppe auf den Startschuss für den Rundgang durch die zweitgrößte, seit 60 Jahren unter Naturschutz stehende, Heidefläche Deutschlands. Doch zuerst zieht FreyeHeidetour (Foto Gisela Baudy)nhagen, seines Zeichens zertifizierter Waldpädagoge, wie das aufgenähte Schild auf der rechten Brusttasche seiner Weste verrät, einen kleinen Ast mit Eichenlaub aus seinem Hut. "Eichenlaub unter dem Hut soll wunden Füßen vorbeugen", führt er in das heutige Mythen-, Märchen- und Magieprogramm ein.

Wir erinnern uns an die Benimm-Basics im Naturschutzgebiet (NSG): auf den Wegen bleiben, keine Hinterlassenschaften, kein Pflücken der Beeren, kein offenes Feuer. Der Rest steht auf dem Hinweisschild. Dann geht es ab und auf und geradeaus in die Heidelandschaft. Sie entstand zwischen der Steinzeit und dem Mittelalter durch Überweidung und wurde in den 1980ern durch offiziell genehmigte Rodung zurückerobert. Vor Jahrtausenden gab es hier noch Eichen- und Kiefernwälder, heute verhindert konsequente Kulturlandschaftspflege die Rückkehr der Baumlandschaft. "Dennoch finden wir in der Fischbeker Heide vereinzelt Bäume und Baumgruppen: Eichen, Birken, Kiefern und hin und wieder auch Ebereschen", erklärt Freyenhagen, und führt uns in die Moränenschlucht.

Ertasten der Kiefernrinde (Foto Gisela Baudy)Ertasten der Birkenrinde (Foto Gisela Baudy)Veronika (7) ertastet die Eichenrinde (Foto Gisela Baudy)

In Zweiergruppen streifen und stolpern wir durchs Gelände. Wer eine weiße Augenbinde trägt, tastet die Rinde ab, hält inne, sucht nach Früchten oder Blättern auf dem Boden, benennt den Baum, geht mit seine*r Partner*in zurück zum Ausgangspunkt, übergibt die Binde und zeigt auf das Objekt der Erkundung, Dann gehen beide mit vertauschten Rollen wieder los. Sinnliche Baumbegegnung heißt das Spiel.

Heidelandschaft und Windbruch (Foto Gisela Baudy)Mit etwas Sonne im Rücken schreiten wir voran. Windbruch, also umgestürzte Kiefern und Birken hier und da sowie viele, abgebrochene Äste irritieren das Naturidyll und so manch abgestorbene Baumsilhouette reckt sich Abblühende Heide Anfang September (Foto Gisela Baudy)himmelwärts. "Ich finde es gut, dass tote Bäume nicht mehr gefällt oder entfernt werden. Die Natur muss man nicht aufräumen", findet Baumpfleger Sebastian (45). Tote Bäume seien gut etwa für Insekten, nur seinen Müll solle jeder mitnehmen. Und wo blüht die Heide? Sie zeigt sich heute nur Adelheid (76) – durch ihre leicht lilagetönten Brillengläser. Wir anderen blicken der blassen Wirklichkeit ins Auge: dem durch den diesjährigen Hitze- und Trockenheits-Rekord frühzeitig herbeigeführten Ende der Heideblütezeit. Richtig schade. Folgen des Klimawandels? Vermutlich.

"Die Kelten schätzen die Birke als Baum der Mitte. Wer am 24. Juni geboren ist, soll eine elastische Gesundheit haben", stellt Freyenhagen diesen genügsamen Baum vor, der immer als erstes wächst. Er kündigt den Frühlingsbeginn an, ist als Symbol für Fruchtbarkeit und Neubeginn der nordischen Göttin Freya gewidmet und hat sich im germanischen Brauchtum dauerhaft als Maibaum etabliert (ein nackter, bunt bemalter Birkenstamm im Garten der Liebsten oder im Dorfzentrum).

Freistehende Birke (Foto Gisela Baudy)Birkenreihe hinter einer Eiche (Foto Gisela Baudy)

Eine Dose mit Birkenzucker geht herum. Wir tauchen unsere Löffelchen in die zahnfreundliche, kalorienreduzierte Haushaltszucker-Alternative und lassen das milde, leicht säuerliche Luxusgut auf der Zunge zergehen. Unser Wanderführer fischt noch eine Flasche mit gelblichem Birkenwasser für lockeres Haar aus seinem Rucksack. "Das ist bestimmt eine andere Zusammensetzung als der Saft, den ich mal als Kind direkt aus einer Birke gezapft und meinem kleineren Bruder ins Haar gerieben hatte", lacht Adelheid. "Danach bekam er Haarausfall." Dass Birkenrinde im Mittelalter wegen ihrer guten Brenneigenschaften oft verwendet wurde, erstaunt ebenso wie ihr damaliger Einsatz zur Herstellung von Schreibpapier.

Mächtige Kiefer (Foto Gisela Baudy)Kieferstamm (Foto Gisela Baudy)

Handys und Kameras treten mal wieder in Aktion. Wir stehen vor einer stattlichen Kiefer (auch Föhre genannt), einem anspruchslosen Baum aus der Familie der Pinien mit bis zu 600 Jahren Lebenserwartung – länger als die Zersetzungszeit von Kunststoffen. Unter unseren Füßen erstreckt sich ein Teppich aus Kiefernzapfen. Diese genialen Wetteranzeiger schließen sich am Baum vor dem Regen und öffnen sich wieder danach. "Stellen Sie sich bei ihrem nächsten Waldbesuch mal unter eine Kiefer", empfiehlt unser Baumführer. "Die Aura soll Blockaden im Kopf und Schulterbereich lösen und stimmungsaufhellend wirken." Die Kiefer-Terpene (Harze) und Öle gelten als schleimlösend, sollen antibakteriell wirken und für eine gute Haftreibung bei Geigen und Balletschuhen sorgen. Die Kelten schreiben Menschen, die zwischen dem 19. und 29. Februar sowie dem 24. August und 2. September geboren werden, Fleiß und Genügsamkeit zu.

WDrei Stieleichen (Foto Gisela Baudy)ährend unseres wurzeldurchwachsenen Abstiegs zum Fischbektal erobert sich die Sonne endgültig den Tag Die ersten Jacken und Anoraks hängen über den Armen oder verschwinden in Rucksäcken. Das Chronometer zeigt halb zwölf. Der Blitze schmetternde nordische Donnergott Thor (Donar) erwacht zum Leben, als wir vor drei zusammenstehenden Stieleichen Halt machen. Ich stelle mir gerade eine junge, blondgelockte, Nymphen-gleiche Schönheit im hellen Sommerkleid vor, wie sie, dem Brauch nach, dreimal um die Baumgruppe läuft, um einen Ehemann zu bekommen, als ein Jogger älteren Semesters sich mürrisch durch die mehrheitlich weilbliche Wandergruppe drängt. Ob er auf Post von der 500 Jahre alten Dodauer Bräutigamseiche in Eutin wartet, wo Heiratswillige ihre Briefe für alle lesbar hinterlegen? Oder hat er sich unterwegs über Rotkäppchen geärgert, weil es in der Heide verbotene Pilze sammeln wollte? Mit dem Gedicht "Die Alte EStieleiche (Foto Gisela Baudy)iche" in der Version von Dana von 2006 hören wir eine moderne Verehrung der Eiche. Stark und majestätisch ist sie, die Nummer Eins der Bäume. Die älteste steht dort, wo einst der geächtete und zugleich galante Robin Hood als mittelalterlicher Sozio-Sympath sein Um-Fair-Teilungsprogramm durchgezogen haben soll: im Sherwood Forest.

"Kaffee, Wurst oder Brotaufstrich aus Eicheln? Ich glaub das muss ich nicht haben", meint Almuth, als wir weiterziehen. Eine aus Holzstämmen gezimmerte Bank kommt in Sicht und die Hälfte der Wanderinnen lässt sich darauf nieder. "Das tut gut – endlich mal sitzen." Sonja Pause und viel Interessantes zur Birke (Foto Gisela Baudy)nutzt die Wanderpause und zitiert ein Rezept für eine Frühjahrskur mit Birkensaft. "Wie man den Saft aber richtig abzapft, steht hier leider nicht", kommentiert sie.

Es geht wieder abwärts, Kieselsteine rollen vor uns her. Eine ältere Ausgabe von Ottfried Preußlers kleiner Hexe surrt wortlos auf ihrem zweirädrigen e-Besen in entgegengesetzter Richtung an uns vorbei Heike Capell (Foto Gisela Baudy)– in hipper Mountain-Bike-Montur. Zwei bodenständige Scotch Terrier – der eine schwarz, der andere weiß – schnaufen hinterher.

Auf der höchsten Ergebung beobachten wir in der Mittagssonne den Segelflugbetrieb. "Das ist cool", sagt Jonas (12) begeistert. Alle über 18 stoßen mit Birkenschnaps aus Vodka und Birkensaft auf die Heidebäume an. Heike Capell, Vorstandsmitglied und seit 58 Jahren aktives Mitglied im Segelflieger-Club Fischbek, Segelflugplatz (Foto Gisela Baudy)erklärt uns, dass heute die Segelbedingungen wegen des Seitenwinds suboptimal wären und plaudert ein bisschen aus fast 100 Jahren Fischbeker Fliegerleben.

Auf dem Weg zum Kuhteich, dem Relikt der alten Fischbek, begegnen wir nochmals den Kelten. Diese ordnen die Eberesche den zwischen dem 1. und 10. März sowie den zwischen dem 4. und 13. Oktober Geborenen zu: Diese Menschen hätten den Drang, die Welt zu verbessern und zu verschönern. Auch Thor tritt noch einmal auf, diesmal mit seinen Ziegen, deren Lieblingsfutter aus den für uns eher ungenießbaren Vogelbeeren bestand. "Die sind aber auch lecker", meint Katrin. "Am besten kurz vor der Verarbeitung einfrieren, dann mit viermal so viel Äpfeln und viel Zucker einkochen oder einfach trocknen lassen und immer nur ein paar verzehren." Das Gedicht von Nora Marquart "Die Eberesche" widmet Freyenhagen Veronika (7), die sich langsam an die Spitze der Wandertruppe vorgearbeitet hat. An unserer nächsten Station erweist sich die Kleine auch prompt als würdige Empfängerin der Widmung: Sie entdeckt als erste eine der beiden Ebereschen am Kuhteich.

Eberesche (Foto Gisela Baudy)Vogelbeeren am Kuhteich (Foto Gisela Baudy)

Der Kuhteich (Foto Gisela Baudy)Neugierig, ja fast argwöhnisch umschwirrt uns eine besonders große und leuchtende Libelle, während wir erfahren, woher die Feenwiese auf der anderen Seite des Wegs ihren Namen hat. Geschwätzige Elfen sollen hier wohnen, die alle Geheimnisse, die sich Menschen auf der Wiese erzählen, ausplaudern. Vielleicht ist es aber auch der Eichen-Borkenkäfer, der mit seinen hellen, zarten Flügeln vom Teich zur Wiese schwebt und an die Fabelwesen erinnert.

Waldpfleger Sebastian (rechts) untersucht die Dreiergruppe aus Eberesche und Eichen (Foto Gisela Baudy)Es geht bergauf, Richtung Informationshaus, Wir wandern dem Ende der Veranstaltung entgegen, durch Farnenland, vorbei an Buchen und einer mit zwei Eichen um Licht konkurrierenden Eberesche (siehe Foto links). "Dr. Wald", eine poetische Hommage an die Heilkraft des Waldes aus den Achtzigern von Förster Helmut Dagenbach, entlässt uns in den Sonntagnachmittag mit den Worten "(...) Er bringt uns immer wieder auf die Beine / und unsere Seelen stets ins Gleichgewicht, / verhindert Fettansatz und Gallensteine, / bloß: Hausbesuche – macht er leider nicht!" Es ist eine ganze Stunde später als geplant, doch niemand scheint dies zu stören. Die bunt gemischten Reiseeindrücke machen die Verspätung allemal wett.

Erfahren Sie mehr zu

> Hintergrund der Netzwerkreihe "HARBURG GRÜN UND FAIR"
> Alle Termine zu den Netzwerk-Aktionen "HARBURG GRÜN UND FAIR".
> Dr. Wald  

Text: Chris Baudy
Fotos: Gisela Baudy (23)

Tipp: Die Legenden zu den Fotos erscheinen beim Drüberfahren mit dem Cursor. Beim Anklicken hingegen lassen sich die Fotos vergrößern.




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