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Klimaportal der Lokalen Agenda 21 im Raum Harburg

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12.12.2017

Erfolgreiches Netzwerktreffen im Harburger Rathaus

Benjamin Fenker (Foto Gisela Baudy)Vor 20 Jahren wurde die Lokale Agenda 21 "HARBURG21" von der Bezirksversammlung Harburg aus der Taufe gehoben. Grund genug für eine besondere Feierstunde am 8. Dezember 2017 - an einem würdigen Ort  mit entsprechend feierlicher Musik: Der bekannte Pianist und Komponist Benjamin Fenker spielte "Es werden nur Steine bleiben" (in memoriam Erich Fried), einem Auszug aus Professor Peter Hamels Werk, der bei der Eröffnungsveranstaltung von HARBURG21 1997 uraufgeführt wurde. Ein weiterer Musikbeitrag von Fenker waren "Fragments and Pieces" des Komponisten Alexander Grünwald.

Unter dem Motto "20 Jahre gelebte Nachhaltigkeit in Harburg" hatten sich gegen 17 Uhr rund 60 umwelt- und entwicklungspolitische Netzwerk-Initiativen und Organisationen sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger aus dem Raum Harburg im Großen Saal des Harburger Rathauses eingefunden.

Moderator Jürgem Marek von HARBURG21 (Foto Gisela Baudy)Jürgen Marek, Lenkungsgruppenmitglied von HARBURG21 und Moderator der Veranstaltung, begrüßte die Gäste und richtete ein spezielles Grußwort an die "Starter-Generation" der Lokalen Agenda 21 in Hamburg-Harburg und Volksdorf:  Bernhard Hellriegel hatte während seiner Amtszeit als Bezirksamtsleiter in Harburg von Anbeginn die Federführung in der hiesigen Agenda 21-Gruuppe übernommen. Mit Siegfried Stockhecke begrüßte Marek den "Waldgeist in Person", der sich seit Jahrzehnten unermüdlich für die nachhaltige Entwicklung in Hamburg-Volksdorf mit verschiedenen Veranstaltungsformaten stark macht - ohne bezirkliche Unterstützung.

Blick in den gefüllten Saal (Foto Chris Baudy)Der Fokus des diesjährigen Netzwerktreffens lag auf den allgegenwärtigen Herausforderungen des Klimawandels  - mit seinen globalen Auswirkungen zum Nachteil besonders der ärmeren Regionen dieser Welt -  und den Möglichkeiten, vor Ort tätig zu werden. "Der Klimawandel ist in den meisten Köpfen angekommen," erklärte Marek. Oftmals fehle es aber an der Kenntnis von Handlungsoptionen und der Bereitschaft, sie umzusetzen. Beispielsweise stieg einem UN-Bericht zufolge der Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre 2016 auf ein Rekord-Hoch und gefährde die wissenschaftlich begründete Begrenzung der Erderwärumg um maximal zwei Grad. Bildung für nachhaltige Entwicklung spiele eine wesentliche Rolle für mehr klimagerechtes Vorgehen. Zusätzliche Anreize könnten vor Ort gegeben werden wie etwa durch den Harburger Nachhaltigkeitspreis, der bis dato 86 Projekte sichtbar gemacht und 15 Initiativen mit Preisgeldern unterstützt hat. "Harburg braucht die Unterstützung von Politik und Verwaltung," so Marek.

Dierk Trispel (Foto Gisela Baudy)Nach einem kurzen Rückblick auf die Historie der globalen und lokalen Agenda 21 wagte der stellvertretende Bezirksamtsleiter Dierk Trispel einen Blick nach vorn. "HARBURG21 ist für seine beeindruckende Projektarbeit und Vernetzung zu Recht mehrfach ausgezeichnet worden." Zur Frage, ob die Welt sich verbessert habe, wies Trispel auf globale und regionale Erfolge hin wie etwa das sich langsam schließende Ozonloch oder die verbesserte Wasserqualität in der Elbe. Insgesamt wäre innerhalb der Staatengemeinschaft ein intensiveres Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung entstanden. Mit Blick auf die beängstigende Bevölkerungsexplosion - zehn bis elf Milliarden Menschen bis zum Ende unseres Jahrhunderts - erklärte Trispel: "Wir müssen zusehen, dass wir nicht unsere Zukunft verzehren" und mahnte einen dringenden Kurswechsel an, an dem sich jede und jeder beteiligen könne und müsse. Und hier setze das Netzwerk HARBURG21 an. "Ich wünsche weiterhin viel Erfolg dabei."

Dr. Tim Brücher von GEOMAR (Foto Gisela Baudy)Mit seiner ansprechenden Präsentation brachte Dr. Tim Brücher vom GEOMAR Helmholtz-Institut Kiel  die Besuchenden in leicht nachvollziehbarer Weise auf den neuesten Forschungsstand. Wie vielleicht bereits bekannt, wäre es auf unserem Planeten ohne Kohlenstoff viel zu kalt für uns. Allerdings habe unsere Produktions-, Wirtschafts- und Lebensweise dazu geführt,  dass viel zu viel CO2 in der Atmosphäre ist und sich die durchschnittliche Temperatur in relativ kurzer Zeit stark erhöht hat. Das sei wissenschaftlich unbestritten. Was die Zuhörer*innen unter anderem überraschte, war, dass eine Klimaanpassung durch Baumpflanzaktionen  - trotz der Bindung von Dr. Tim Brücher beantwortet Fragen aus dem Publikum. (Foto Gisela Baudy)CO2 - nicht in jedem geografischen Kontext den gewünschten Effekt erzielen. Denn helle Getreideflächen, Gras- und Schneelandschaften werfen die Sonnenstrahlen wesentlich effektiver Richtung Weltraum zurück als Bäume mit ihren dunklen Baumkronen. Dadurch erwärmen sich die Bäume. In unseren gemäßigten Breitengraden jedoch erfüllen Bäume sehr wohl ihren klimaschützende Aufgabe, so Brücher.

Am Mikrofon: Siegfried Stockhecke. Im Vordergrund: Benjamin Fenker. (Foto Gisela Baudy)Die Frage aus dem Publikum, ob wir das 2-Grad-Ziel erreichen können, beantwortete der Referent eindeutig positiv: "Wir sollten den Kopf nicht in den Sand stecken. Die Welt wird nicht wie vorher sein, aber die Ozeane können wieder durchatmen. Das Ziel ist doch, die Welt beziehungsweise das Weltklima besser handhaben zu können als bei noch höheren Durchschnittstemperaturen. Aus Sicht der Wissenschaft ist es zu schaffen." Auf weiteres Nachfragen hin erläuterte Brücher, dass es wissenschaftlich gesehen auch Unsicherheiten und Fehler gäbe. "Neue Erkenntnisse müssen immer wieder in die Ergebnisse einbezogen werden, ohne sich dabei im Detail zu verlieren."

Expertenrunde. V.l.n.r.: Moderator Jürgen Marek, Olaf Zeiske, Frank Wiesner, Susanne Emich, Berhard von Ehren (Foto Gisela Baudy)In der anschließenden Fragestunde stellten verschiedene Klima-Akteur*innen aktuelle Projekte vor. Olaf Zeiske, Fachlehrer für Biologie und Geografie und MINT-Beauftragter, integriert seit Jahren Klima und Nachhaltige Entwicklung ins Schulcurriculum der Oberstufen an der Goethe Schule Harburg (GSH). "Die Schülerinnen und Schüler pflegen dabei enge Kontakte zu Wissenschaftlern wie sonst keiner." Frank Wiesner, Verkehrsplaner, sprach über Ansätze, Dieselschiffe zu ersetzen.  "Zugegeben, es könnte alles schneller und besser gehen." Susanne Emich, Sachgebietsleiterin Wasserwirtschaft Harburg, berichtet über Maßnahmen zur Vermeidung von Überschwemmungen. "Es geht darum, grün zu denken gegen Überschwemmungen." Bernhard von Ehren, Geschäftsführer der Baumschule Lorenz von Ehren, skizzierte den Klimabaum-Hain, die Stadtbäume der Zukunft - zwar keine einheimischen Arten, dafür aber resistent gegen Krankheiten, Sturm- und Dürre usw. "Wir  brauchen Bäume für urbane Verhältnisse - sie sind die einzige Klimaanlage für draußen."

Diskussion vor einem interessierten Publikum (Foto Gisela Baudy)Die Forderungen beziehungsweise Vorschläge der Podiumsgäste an die Kommunalpolitik umfassten etwa die verstärkte  Netzwerkbildung der Harburger Schulen miteinander und mit dem Bezirk, zum Beispiel über die Revitalisierung des Harburger Bodenlehrpfades - dieser bilde 10.000 Jahre Klimageschichte ab. "Dieses Klimalehrbuch" sollte allen Schülerinnen und Schülern zugänglich sein", so Zeiske. Des Weiteren ging es um die Förderung und den Ausbau von Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) und Radverkehr (Wiesner), die Einplanung von mehr Platz für Wasser (Retentionsflächen) bei der Erschließung von Grundstücken  (Emich) sowie um mehr Grün-Dächer und Bäume, mehr Wertschätzung von Grün statt grauem Beton (von Ehren). 

Bei der erneut aufflammenden Frage, wie realistisch es sei, dass wir das 2-Grad-Ziel erreichen können, hielt sich der Optimismus in Grenzen. Voraussetzung sei, dass wir unsere Gewohnheiten ändern, dass wir verantwortlicher konsumieren, dass die Politik sich nicht an einer MAUT aufhalte, sondern klimarelevante Themen wie beispielsweise e-Mobilität in Angriff nehme und den Schülerinnen und Schülern genügend Freiraum geboten werde, Lösungen anzudenken. Denn sie setzten sich ernsthaft mit dem Klimawandel auseinander.

Jürgen Marek bedankte sich bei allen Beteiligten und schloss den allgemein als sehr informativ wahrgenommenen Abend mit einem Zitat von Erich Fried: "Wer nicht will, dass die Welt sich ändert, der will nicht, dass sie bleibt."

 

Gäste beim regem Austausch beim Buffet (Foto Gisela Baudy)Catering-Team v.l.n.r.: Michael Paatsch, Layla und Ingeborg Witton (Foto Gisela Baudy)

Am bio-fairen, zum überwiegenden Teil von Ingeborg Witton selbst hergestellten vegetarisch/veganen und regionalen Buffet tauschten sich die Besucher*innen angeregt über die Inhalte der Veranstaltung aus.

Vor und nach der Veranstaltung konnten die Gäste die Jubiläums-Ausstellung im Treppenaufgang oder die Stationen und Aktivitäten von HARBURG21 von der Gründung bis heute mittels einer Powerpoint-Präsentation studieren.

Text: Chris Baudy
Bilder: Chris Baudy (3), Gisela Baudy (1-2, 4-11)

Links:
> Jubiläums-Ausstellung im Harburger Rathaus eröffnet (Ausstellungsende 31.01.18)
> Medientisch "Gelebte Nachhaltigkeit in Harburg" in der Bücherhalle Harburg (08.12.17 bis 31.01.18)

Tipp: Die Bilder lassen sich durch Anklicken vergrößern. Bildlegenden erscheinen beim Scrollen über das (nicht vergrößerte) Foto.


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